2. Januar, 2005

Starker Artikel im Standard

Abgelegt unter: Allgemein — Babs @ 15:17

Wollte ich euch nicht vorenthalten….

[+] SEEBEBEN IM INDISCHEN OZEAN
Kommentar: Das Klagelied der Nebendarsteller
Zur Gewichtung der Berichterstattung über die Folgen des Tsunamis

Da war dieses Bild. Dieses eine Bild. Der Vater, der die Hand des toten Kindes gegen sein Gesicht drückt. So, als könnte der Schmerz eines einsamen Mannes die Zeit zurückdrehen. Dem Vater das Kind wiedergeben. Das Unfassbare ungeschehen machen.
Es war eines jener Bilder, bei denen auch hartgesottene Bild-, Text- und Chefredakteure die Lippen aufeinander pressen und das Würgen im Hals wegzuschlucken versuchen. Weil das Bild - im zynischen Mediensprech - “funktioniert”: Es tut weh. Und das, ohne jene feine Linie zu überschreiten, die es zum billig-blutigen “Bringer” macht. Das Toten die Würde nimmt und Überlebende zu pathetischen Statisten degradiert: Der grenz- und wortlose Schmerz des einen Mannes und die Hand des toten Kindes sagten mehr über die Katastrophe im Indischen Ozean als alle Kamerateams, alle Interviews in Hotellobbys und Flughäfen und - vor allem - alle “Ich-und-das-Inferno”-Aufsager es können.

Zwischen Information und Sensationsgier

Neben dem STANDARD brachten auch andere (Qualitäts)-Zeitungen das Bild auf ihrer Titelseite. Eben weil es “funktioniert”. Hervorragend funktioniert. In all seiner Entsetzlichkeit. Bloß: Mit einem einzigen Bild kommt kein Medium aus. Schon gar nicht bei Ereignissen wie dem Tsunami vom Stephanitag. Doch der Grat zwischen Informationsnotwendigkeit und plattester Sensationsgier (”Exklusiv: Noch mehr Leichen! Noch mehr Verwüstung! Noch mehr Leid!”) ist schmal. Sehr schmal. Zumal auch jeder Medienanfänger weiß, dass Geschichten greifen, wenn sie a) “menscheln” und b) das Publikum einen Bezug zum Geschehen herstellen kann.

Einzelschicksale

Dass da die Reporter in der Katastrophe vor lauter Einzelschicksalen den Überblick verlieren, ist natürlich. Dass sie sich auf das Naheliegende stürzen, auch: Landsleute-Schicksale. Und in der Epoche, in der jede Hosentaschenkamera Bilder liefert, die vollformatig hochglanzmagazindrucktauglich sind, Straßen unpassierbar oder verschwunden sind und die Behörden andere Sorgen haben, als Journalisten zu “füttern”, kann dann kaum etwas anderes daheim ankommen als das, was wir derzeit wieder und wieder sehen: wohlgenährte, schockierte Weiße, von denen viele - nüchtern betrachtet - wenig mehr als den Verlust von Sonnenbrille und Flipflops zu beklagen haben. Und sich in ihrer Hilflosigkeit mit einer unbewältigbaren Situation beschweren, dass auch der Konsul der Katastrophe nicht gewachsen ist: Wo nichts hilft, hilft Glaube - und sei es der an die Bürokratie. Aus Sicht des Einzelnen absolut richtig und verständlich: Selbsterlebtes lässt sich nicht relativieren, vergleichen oder in Rankings bewerten.

Stornoverhalten und Massengräber

Es läge an denen in den Redaktionen daheim, die Mosaiksteine zu gewichten: Touristen ist Schreckliches widerfahren. Es ist Aufgabe der Nationalpolitik, die “eigenen” Leute nach Hause zu bringen. Aber war da nicht noch was? Besteht die verwüstete Region wirklich vornehmlich aus Urlauberparadiesen - oder sind auch “nur” von Einheimischen bewohnte Küstenstriche, an denen nicht jeder zweite eine Kamera in der Hand hält, vernichtet? Sind Interviews mit Wiener Ärzten (über den Gesundheitszustand der Heimkehrer) tatsächlich so wichtig, dass sie vor Berichten über die Vernichtung afrikanischer Fischerdörfer platziert werden müssen? Steht das touristische Stornoverhalten wirklich über Seuchengefahr und Massengräbern?

Hunderte - vielleicht tausende - tote Touristen wiegen schwer. So wie alle anderen Toten. Nur: Das ist - im Vergleich - nichts. Gar nichts. Wir (Europa, Österreich, die heile, industrialisierte Wohlstandswelt) sind bloß Nebendarsteller einer Tragödie, die andere härter, existenzieller und unmittelbarer getroffen hat - nur wird unser Klagelied viel lauter angestimmt. Mit einer klebrigen Begleitmelodie voll Selbstmitleid.

Nebenbei: Der Vater, der die Hand seines toten Kindes drückt, ist nicht weiß. An der Aussage des Bildes än- derte das nichts. An seinem Schmerz auch nicht. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 30.12.2004)

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